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Die Märchen
- Das Mädchen und der Kondor
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Das Mädchen und der Kondor
Vor langer Zeit lebte in der Hochebene der Anden ein
Mädchen, das jeden Tag seine Schafe zur Weide führte
und dabei von seinem treuen Hund begleitet wurde. Eines Tages,
als das Mädchen mit den Schafen auf der Weide war, kam ein
grosser Kondor angeflogen. Der Kondor spazierte auf das
Mädchen zu: "Guten Tag schönes Mädchen, wie
hübsch du doch bist", begrüßte er es, "Willst du
nicht mit mir spielen? Du könntest mit mir
mitfliegen."
Das Mädchen dachte einen Augenblick lang nach, dann
antwortete es: "Guten Tag Herr Kondor. Ich würde gerne mit
dir spielen, aber ich glaube nicht, dass du mich mitnehmen
kannst, denn ich bin sehr schwer."
Der Kondor ergriff ein Schaf und hob es flügelflatternd
hoch, also wandte er sich voller Stolz wieder an das
Mädchen: " Wie du siehst, bin ich sehr viel stärker als
du gedacht hast."
Das Mädchen, das von der Kraftvorstellung des Kondors
beeindruckt war, liess sich schnell überzeugen und
beschloss, mit dem Kondor zu spielen. Der grosse Vogel ergriff
mit seinen Krallen das Mädchen und flog mit ihm in die
Höhe, jedes Mal ein kleines Stück höher bis sie
bei der Bergspitze ankamen.
So verging der ganze Nachmittag und bald brach auch die Nacht
herein. Der Hund, der es müde war, auf seine Herrin zu
warten, machte sich auf den Heimweg und nahm alle Schafe mit
sich. Zu Hause wartete schon die Mutter des Mädchens, die
sich bereits grosse Sorgen machte. Sobald sie den Hund sah, lief
sie auf ihn zu und fragte ihn, wo denn ihre Tochter geblieben
sei. Der Hund fing an, zu bellen und zur Bergspitze zu schauen.
Die Mutter verstand sofort, was passiert war und brachte in
verzweifeltes Weinen aus.
Das laute Wehklagen machte einen kleinen Ninaguro (eine kleine
Eidechse) neugierig, der natürlich sofort wissen wollte, was
denn los sei. Er hörte sich die Verzweiflung der Mutter an
und sagte dann: "Mache dir keine Sorgen! Ich kann dir helfen,
deine Tochter zu befreien, aber du musst machen, was ich dir
sage. Nimm etwas Wein, einige gekochte Kartoffeln, ein Huhn, ein
Cuy (Meerschweinchen), ein Seil und eine Axt und folge mir!" Die
Frau packte schnell alles zusammen und folgte dem Ninaguro in die
Berge. Sie überquerten tiefe angsteinflössende
Schluchten, kamen durch grüne Täler und glitzernde Seen
und schliesslich erreichten sie das Kondor-Nest auf der
Bergspitze.
Die Frau begrüsste den Kondor sehr freundlich, genauso wie
ihr der Ninaguro geraten hatte: "Ich grüsse dich, guter
Schwiegersohn. Ich bin gekommen, weil ich möchte, dass du
meine Tochter heiratest. Vorher aber muss gefeiert werden, wie es
sich bei solchen Gelegenheiten gehört." Der Kondor war zwar
über diese Worte etwas erstaunt, aber auch sehr aufgeregt.
Fröhlich fing er an, zu tanzen, zu essen und zu trinken. So
verging die ganze Nacht, bis der Kondor vom guten Wein betrunken
war. Darauf hatte die Frau gewartet: mit der Axt tötete sie
den Kondor und befreite ihre Tochter.
Bei Sonnenaufgang kamen die Frau, das Mädchen und der kleine
Ninaguro endlich nach Hause, wo der Hund die ganze Nacht
ungeduldig gewartet hatte. Während seinem Aufenthalt im
Kondor-Nest hatte das Mädchen bereits angefangen, sich in
einen Vogel zu verwandeln. Es brauchte eine ganze Woche, bis es
alle Federn verloren hatte!
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