|
Navigation
Die Märchen
- Die Schildkröte und der Affe
Hintergrund-informationen
|
Die Schildkröte und der Affe

Jeder weiß, dass die Schildkröte langsam, aber auch
klug und aufmerksam ist, der Affe hingegen schnell, aber
unehrlich.
Eines Tages lud die Schildkröte den Affen zum Angeln ein.
"Es gibt einen Fluss in der Nähe, der voller Fische ist",
sagte sie. "Ich bin langsam und ungeschickt und deswegen
fällt es mir schwer, die Fische zu fangen, wenn du mir aber
hilfst, kann ich dir die besten Plätze zeigen. Gemeinsam
werden wir viele Fische fangen! Die können wir uns dann
teilen." Unbefangen wie immer sagte der Affe sofort zu und die
zwei Tiere gingen gemeinsam zum Fluss. Mit einem Korb auf dem
Rücken begann der Affe die Fische dort zu fangen, wo es ihm
die Schildkröte zeigte. Als der Korb fast voll war, merkte
der Affe, wie viele Fische er schon gefangen hatte. Stolz meinte
er: "Ich werde dir keine Fische geben, da ich ja die schwerste
Arbeit erledigt habe!" Die Schildkröte protestierte, aber
merkte bald, dass sie nichts tun konnte. Sie verschwand im
Wasser, begleitet vom höhnischen Lachen des Affen.
Ohne Schildkröte hatte der Affe nicht viel Erfolg beim
Fischen. Plötzlich spürte er, dass etwas in seinen
Fuß stach. Aus Angst, es wäre ein gefährliches
Tier, ließ er alle Fische fallen und rannte davon. Erst als
er zu einem Baum kam, machte er Halt. Dort sah er die
Schildkröte, die einen Sack gefüllt mit Fischen trug.
"Hallo Schildkröte", sagte der Affe, "du wirst nicht
glauben, was mir passiert ist. Ein Dieb hat mir alle Fische
gestohlen. Ich wäre fast gestorben! Wo hast du denn die
ganzen Fische her?" "Weißt du", antwortete die
Schildkröte, "als ich dich am Fluss zurückgelassen
habe, habe ich selbst ein wenig gefischt. Jetzt gehe ich nach
Hause, um mir dort ein gutes Essen zu kochen. Wenn du willst,
teile ich meine Fische mit dir, auch wenn du dich nicht an unsere
Abmachung gehalten hast. " Ohne ein Wort des Dankes nahm sich der
Affe seinen Teil und verschwand im Wald.
Als die Jahreszeit der Früchte kam, suchte der Affe die
Schildkröte auf, um ihr einen Vorschlag zu machen: "Wenn du
mir Gesellschaft leistest während ich Obst sammle, werde ich
dir die Hälfte der Früchte schenken." Die
Schildkröte stimmte dem Vorschlag zu und gemeinsam
spazierten sie zu einem Baum, der viele Früchte trug.
Während der Affe erntete, unterhielt sich die
Schildkröte wie abgemacht mit ihm. Als aber Bauch und Korb
des Affen voll waren, rief er lachend: "Du kannst jetzt
heimgehen, liebe Schildkröte. Ich werde dir rein gar nichts
von meinen Früchten abgeben. Du kannst aber das Obst, das
auf den Boden gefallen ist, essen - wenn dir die Ameisen etwas
übrig gelassen haben!" Die Schildkröte schrie
verärgert: "Lügner! Schwindler! Du wirst dich nie
ändern!" und ging missmutig davon.
Fröhlich spazierte der Affe heimwärts. Plötzlich
stolperte er über eine große Wurzel und verlor seine
ganze Ernte. Als er sich erholt hatte, sah er, wie die
Schildkröte eine große Menge Früchte trug. Er
holte sie ein, erzählte ihr von seinem Unglück und
fragte sie, wo sie denn die Früchte gefunden hatte. "Auf dem
Boden, so wie du es mir empfohlen hattest", antwortete die kluge
Schildkröte.
Die Zeit verging und der Affe nutzte jede Gelegenheit, mit
möglichst wenig Anstrengung so viel wie nur möglich zu
erreichen. Dies war auch der Grund, dass er sich erneut zur
Schildkröte begab: "Ich habe von einem Bauern gehört,
der ein wunderbares Zuckerrohrfeld hat. Ich habe diese Pflanze
noch nie gegessen, weiß aber, dass sie lecker sein soll. Du
mit deiner langen Erfahrung kannst mir sicher sagen, welches das
beste Zuckerrohr ist. Hilfst du mir, etwas davon zu stehlen?" Die
Schildkröte liebte den Geschmack von Zuckerrohr. Sie wusste
aber, dass es falsch war, die Sachen anderer zu stehlen,
besonders wenn sie die Früchte von Schweiß und
Anstrengung waren. Zuckerrohr war etwas anderes als die Fische im
Bach oder die Früchte des Waldes, die niemandem gehören
und die alle genießen können. "Allerdings", dachte
sie, "könnte dies eine gute Gelegenheit sein, dem Affen eine
Lektion zu erteilen." "Es tut mir leid", sagte die
Schildkröte also zum Affen, "aber heute bin ich sehr
beschäftigt und kann nicht mit dir kommen. Ich werde dir
allerdings erklären, wie man die besten Zuckerrohre
aussucht." Der Affe nickte begeistert und stellte sich schon eine
reiche Ausbeute vor. "Am Wichtigsten ist es sehr schnell zu
sein", sagte die Schildkröte, "das Feld ist bewacht, deshalb
musst du sofort das Zuckerrohr nehmen und gleich flüchten.
Du wirst keine Zeit haben, es dort zu kosten - verlass dich auf
deine Sinne, hauptsächlich auf deinen Tast- und Sehsinn.
Vergiss das weiche und saftige Zuckerrohr; das beste ist das
harte."
Als der Affe auf dem Feld war, tat er, wie die Schildkröte
ihm geraten hatte. Er riss einige dünne, harte Zuckerrohre
aus und lief schnell nach Hause.
Am nächsten Tag besuchte die Schildkröte den Affen. Er
bot einen kläglichen Anblick: sein Gesicht war von der
Herbheit des Zuckerrohrs verzogen, auf der Zunge und dem Mund
hatte er viele kleine Schnitte von der harten, unreifen
Pflanze.
An diesem Tag lernte der Affe, dass Geschicklichkeit alleine
nicht genug war, das tägliche Brot zu finden, besonders wenn
man andere ausnutzt, ohne selbst was zu geben. Geiz, so wie
unreifes Zuckerrohr, hat einen bitteren Beigeschmack.
|
.
|