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Die Speisen des Königs und andere Geschichten aus Vietnam

Die Schildkröte und der Affe

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Die Schildkröte und der Affe

Die Speisen des Königs

Jeder weiß, dass die Schildkröte langsam, aber auch klug und aufmerksam ist, der Affe hingegen schnell, aber unehrlich.

Eines Tages lud die Schildkröte den Affen zum Angeln ein. "Es gibt einen Fluss in der Nähe, der voller Fische ist", sagte sie. "Ich bin langsam und ungeschickt und deswegen fällt es mir schwer, die Fische zu fangen, wenn du mir aber hilfst, kann ich dir die besten Plätze zeigen. Gemeinsam werden wir viele Fische fangen! Die können wir uns dann teilen." Unbefangen wie immer sagte der Affe sofort zu und die zwei Tiere gingen gemeinsam zum Fluss. Mit einem Korb auf dem Rücken begann der Affe die Fische dort zu fangen, wo es ihm die Schildkröte zeigte. Als der Korb fast voll war, merkte der Affe, wie viele Fische er schon gefangen hatte. Stolz meinte er: "Ich werde dir keine Fische geben, da ich ja die schwerste Arbeit erledigt habe!" Die Schildkröte protestierte, aber merkte bald, dass sie nichts tun konnte. Sie verschwand im Wasser, begleitet vom höhnischen Lachen des Affen.

Ohne Schildkröte hatte der Affe nicht viel Erfolg beim Fischen. Plötzlich spürte er, dass etwas in seinen Fuß stach. Aus Angst, es wäre ein gefährliches Tier, ließ er alle Fische fallen und rannte davon. Erst als er zu einem Baum kam, machte er Halt. Dort sah er die Schildkröte, die einen Sack gefüllt mit Fischen trug. "Hallo Schildkröte", sagte der Affe, "du wirst nicht glauben, was mir passiert ist. Ein Dieb hat mir alle Fische gestohlen. Ich wäre fast gestorben! Wo hast du denn die ganzen Fische her?" "Weißt du", antwortete die Schildkröte, "als ich dich am Fluss zurückgelassen habe, habe ich selbst ein wenig gefischt. Jetzt gehe ich nach Hause, um mir dort ein gutes Essen zu kochen. Wenn du willst, teile ich meine Fische mit dir, auch wenn du dich nicht an unsere Abmachung gehalten hast. " Ohne ein Wort des Dankes nahm sich der Affe seinen Teil und verschwand im Wald.

Als die Jahreszeit der Früchte kam, suchte der Affe die Schildkröte auf, um ihr einen Vorschlag zu machen: "Wenn du mir Gesellschaft leistest während ich Obst sammle, werde ich dir die Hälfte der Früchte schenken." Die Schildkröte stimmte dem Vorschlag zu und gemeinsam spazierten sie zu einem Baum, der viele Früchte trug. Während der Affe erntete, unterhielt sich die Schildkröte wie abgemacht mit ihm. Als aber Bauch und Korb des Affen voll waren, rief er lachend: "Du kannst jetzt heimgehen, liebe Schildkröte. Ich werde dir rein gar nichts von meinen Früchten abgeben. Du kannst aber das Obst, das auf den Boden gefallen ist, essen - wenn dir die Ameisen etwas übrig gelassen haben!" Die Schildkröte schrie verärgert: "Lügner! Schwindler! Du wirst dich nie ändern!" und ging missmutig davon.

Fröhlich spazierte der Affe heimwärts. Plötzlich stolperte er über eine große Wurzel und verlor seine ganze Ernte. Als er sich erholt hatte, sah er, wie die Schildkröte eine große Menge Früchte trug. Er holte sie ein, erzählte ihr von seinem Unglück und fragte sie, wo sie denn die Früchte gefunden hatte. "Auf dem Boden, so wie du es mir empfohlen hattest", antwortete die kluge Schildkröte.

Die Zeit verging und der Affe nutzte jede Gelegenheit, mit möglichst wenig Anstrengung so viel wie nur möglich zu erreichen. Dies war auch der Grund, dass er sich erneut zur Schildkröte begab: "Ich habe von einem Bauern gehört, der ein wunderbares Zuckerrohrfeld hat. Ich habe diese Pflanze noch nie gegessen, weiß aber, dass sie lecker sein soll. Du mit deiner langen Erfahrung kannst mir sicher sagen, welches das beste Zuckerrohr ist. Hilfst du mir, etwas davon zu stehlen?" Die Schildkröte liebte den Geschmack von Zuckerrohr. Sie wusste aber, dass es falsch war, die Sachen anderer zu stehlen, besonders wenn sie die Früchte von Schweiß und Anstrengung waren. Zuckerrohr war etwas anderes als die Fische im Bach oder die Früchte des Waldes, die niemandem gehören und die alle genießen können. "Allerdings", dachte sie, "könnte dies eine gute Gelegenheit sein, dem Affen eine Lektion zu erteilen." "Es tut mir leid", sagte die Schildkröte also zum Affen, "aber heute bin ich sehr beschäftigt und kann nicht mit dir kommen. Ich werde dir allerdings erklären, wie man die besten Zuckerrohre aussucht." Der Affe nickte begeistert und stellte sich schon eine reiche Ausbeute vor. "Am Wichtigsten ist es sehr schnell zu sein", sagte die Schildkröte, "das Feld ist bewacht, deshalb musst du sofort das Zuckerrohr nehmen und gleich flüchten. Du wirst keine Zeit haben, es dort zu kosten - verlass dich auf deine Sinne, hauptsächlich auf deinen Tast- und Sehsinn. Vergiss das weiche und saftige Zuckerrohr; das beste ist das harte."

Als der Affe auf dem Feld war, tat er, wie die Schildkröte ihm geraten hatte. Er riss einige dünne, harte Zuckerrohre aus und lief schnell nach Hause.

Am nächsten Tag besuchte die Schildkröte den Affen. Er bot einen kläglichen Anblick: sein Gesicht war von der Herbheit des Zuckerrohrs verzogen, auf der Zunge und dem Mund hatte er viele kleine Schnitte von der harten, unreifen Pflanze.

An diesem Tag lernte der Affe, dass Geschicklichkeit alleine nicht genug war, das tägliche Brot zu finden, besonders wenn man andere ausnutzt, ohne selbst was zu geben. Geiz, so wie unreifes Zuckerrohr, hat einen bitteren Beigeschmack.


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Letzte Aktual.: 11.12.2007 | Copyright | URL: www.bibmondo.it/att/vietnam/doc/fav2-de.html | XHTML 1.0 / CSS / WAI AAA | WEBdesign, e-mail: M. di Vieste

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