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Die Speisen des Königs und andere Geschichten aus Vietnam

Die Speisen des Königs

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Die Speisen des Königs

Die Speisen des Königs

Es war einmal ein König namens Hung VI. Als er alt wurde, beschloss er wie jeder weise König, den Thron einem seiner Söhne zu überlassen. Von seinen zweiundzwanzig Söhnen schien ihm keiner dieser wichtigen und schwierigen Aufgabe gewachsen. "Mein Nachfolger muss nicht nur die richtige Person sein", dachte der König, "meine Entscheidung darf auch kein Grund für Streit und Unruhe sein."

Er grübelte tagelang, um eine Lösung zu finden. Die Berater des königlichen Hofes machten ihm tausend Vorschläge, aber ohne Erfolg. Eines Morgens wurden endlich alle zweiundzwanzig Prinzen in den Palast gerufen. "Seid gegrüßt, Söhne", rief der König, "ich bin alt und werde bald sterben. Deshalb will ich einen von euch auswählen, der nach mir den Thron besteigen und das Reich regieren soll."

Die Anwesenden schauten sich an, alle hofften, der Glückliche zu sein. "Bald findet das Tetfest (das vietnamesische Neujahr) statt. Wie ihr alle wisst, bringen wir zu diesem Anlass unseren Vorfahren Opfergaben dar. Derjenige, der mir die Speise bringt, die dem Fest am angemessensten ist, wird mein Nachfolger sein." Überrascht beeilten sich die Prinzen, den Palast zu verlassen. Ein jeder rief seine treuesten Diener und begann die Suche nach der besten Speise, die dem alten Vater im Tausch mit dem Thron überreicht werden sollte.

Während die Pferde durch die Wälder galoppierten, die Boote Flüsse und Seen überquerten und die Mutigsten die Berge bestiegen, dachte einer der Prinzen in seinem bescheidenen Zimmer nach, wie er diese scheinbar unmögliche Aufgabe bewältigen sollte. Die Mutter von Liêu, dem achtzehnten Sohn des Königs, war tot und so musste er ohne jegliche Hilfe zurechtkommen.

Mit den Händen unter dem Kopf lag der Prinz auf seinem Bett. Als ob er dort die Lösung des Problems finden könnte, starrte er die Zimmerdecke an, bis er endlich einschlief. Im Schlaf hatte er einen Traum. Seine Brüder und er waren dabei, Speisen für den König zuzubereiten, als ihnen plötzlich eine tien erschien (Die tien sind unsterbliche Geister, die wie Frauen aussehen. Sie sind fast so wichtig wie echte Götter). Der Geist näherte sich Liêu und flüsterte: "Liêu, auf dieser Welt gibt es nichts, das größer ist als Himmel und Erde, und nichts, das wertvoller ist als Reis. Ich werde dir zeigen, wie man ein Gericht zubereitet, das alle drei dieser Sachen beinhaltet". Nachdem der junge Liêu dem Geist die verlangten Zutaten gebracht hatte, begann dieser die Speise zuzubereiten.

Er nahm ein bisschen Klebreis und gab ihn auf ein grünes Blatt. Dann fügte er Erbsen, Salz, Paprikapulver und Schweinefett, das mit Fischsauce gewürzt war, dazu. Die tien bedeckte alles mit mehr Reis und formte daraus ein Rechteck. Zum Schluss hüllte sie den Kuchen in ein Blatt und band es mit Bambusstreifen zusammen. "Diese Speise", erklärte der Geist, "stellt die Erde dar. Wie die Erde ist sie rechteckig und mit grünen Blättern bedeckt. So wie Pflanzen und Tiere Teil der Erde sind, sind Fleisch, Erbsen und Fischsauce Teil des Gerichts. Jetzt müssen wir den Kuchen nur noch in Wasser kochen, damit er lange frisch bleibt. Das Gericht hat den Namen Banh Chung."

Der Geist nahm dann einen Krug voll Reis, der durch das Kochen klebrig geworden war. Mit Mörser und Stößel machte er eine feste Masse und bereitete flache, runde Süßigkeiten vor. "Diese Süßigkeiten sind rund wie der Himmel. Sie heißen Banh Day." Plötzlich öffnete Liêu seine Augen: der Traum war zu Ende. Ohne Zeit zu verlieren, bereitete der Prinz das Gericht vor, das ihm der Geist im Traum gezeigt hatte: eine Speise, die eckig war wie die Erde und rund wie der Himmel.

Zu Tet, dem Neujahrstag, herrschte große Aufregung im Königreich. Aus jedem Dorf kamen die Leute, um im Palast dem Wettbewerb der Speisen und der Krönung des neuen Königs beizuwohnen. Wie es die Tradition wollte, begann die Verehrung der Vorfahren, als die ersten Sonnenstrahlen die Erde erwärmten. Die Luft war erfüllt vom Klang der Trommeln und der Gongs, farbenprächtige Fahnen wehten im Wind und die Jubelrufe der Menschen füllten Straßen und Häuser.

Aus den entferntesten Ecken des Königreichs hatten die Prinzen Gerichte verschiedenster Art und Geschmacks gebracht. Ohne Eile kosteten weise Richter eines nach dem anderen und verglichen, prüften und kritisierten. Als sie die Speise des Prinzen Liêu probierten, waren sie sehr erstaunt: Wie konnte ein so einfaches Gericht nur so köstlich schmecken? Sie riefen den König, damit er selbst die Speise kostete. Auch König Hung war begeistert vom Gericht des jungen Sohnes. Er rief ihn zu sich und fragte, wie er das Gericht zubereitet hatte. Liêu erzählte ihm vom Geist, der ihm im Traum erschienen war.

Am Nachmittag verkündete der König der Menge seine Entscheidung. "Mein achtzehnter Sohn wird zum König gekrönt werden und den Thron besteigen." Freudenschreie aus der Menschenmenge unterbrachen seine Rede. "Das Gericht, das er zubereitet hat, ist nicht nur wegen des Geschmacks einzigartig. Es hat auch eine wichtige Bedeutung: mit seinen einfachen Zutaten, die jeder anbauen kann, ehrt es Himmel und Erde und ehrt auch unsere Vorfahren. Die Speise zeigt, wie wichtig die Ahnen sind: so wichtig wie Himmel und Erde. Auch wenn der Kuchen einfach aussieht, kann ihn nur ein rechtschaffener Mensch mit großem Talent zubereiten."

So wurde der Prinz Liêu zum König Hung VII. gekrönt. Seitdem bereitet das vietnamesische Volk zu Tet immer Banh Chung und Banh Day zu, um die Vorfahren zu ehren.


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Letzte Aktual.: 11.12.2007 | Copyright | URL: www.bibmondo.it/att/vietnam/doc/fav1-de.html | XHTML 1.0 / CSS / WAI AAA | WEBdesign, e-mail: M. di Vieste

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