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Runaway: Straßenkinder in den USA

Straßenszenen in Harlem, New York, USADas Erscheinungsbild der Straßenkinder in Lateinamerika hat richtigerweise die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich gezogen. Als Folge davon aber blieben die Straßenkinder in den USA unbeachtet, wo sie schon seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einem chronischen sozialen Problem geworden sind. Die verschiedenartige Beachtung, die Straßenkinder in den USA im Vergleich zu ihren lateinamerikanischen Gefährten erhalten, hängt teilweise auch von der Definition ab, die sie in der amerikanischen Soziologie bekommen haben: man spricht von "runaways" (Kinder, die von zu Hause weglaufen), und lässt so den Eindruck aufkommen, dass diese Kinder in der Straße leben, weil sie rebellisch sind, oder nicht mit den Werten der Eltern einverstanden, oder weil sie von der Gewalt im Elternhaus weglaufen. Andersartig also im Vergleich zu den lateinamerikanischen Straßenkindern, die eine weit verbreitete Meinung auf grund ihrer extremen Armut oder ihrer Kondition als Waisen auf der Straße glaubt.

Laut einer Statistik des National Runaway Switchboard (Nottelefon für Kinder, die das Elternhaus verlassen) leben in den Straßen der USA ungefähr 1.300.000 Kinder und Jugendliche. Das Tageszentrum für Straßenkinder von Santa Fe, Hauptstadt des Bundesstaates New Mexiko mit 60.000 Einwohnern, hat im Jahr 2001 mehr als 1.100 Kinder und Jugendliche betreut. In Santa Fe betrifft Armut und soziale Ausgliederung vor allem die hispanische, indigene und schwarze Bevölkerung, trotzdem stammt der Großteil der Straßenkinder entgegen allen Erwartungen aus der weißen Mittelschicht. 35% der Straßenkinder sind Mädchen und die meisten sind älter als 14 Jahre. Viele von ihnen kommen aus anderen Bundesstaaten, denn Santa Fe ist so etwas wie "die letzte Grenze", "das Abenteuer", "mystisch", "mit einer besonderen Energie",...

Genauso wie ihre lateinamerikanischen Gefährten, treffen sich die Kinder und Jugendlichen im Hauptplatz der Stadt, um dort gemeinsam die Zeit zu verbringen, die Stadt anzuschauen und um Geld zu betteln. Ganz im Gegensatz zu lateinamerikanischen Straßenkindern sind die Freundschaften der Kinder in Santa Fe nicht nur auf den Kreis der Straßenkinder begrenzt: viele ihrer Freunde stammen aus der weißen Elite der Stadt. Das Straßenleben bedeutet zwar einerseits soziale Ausgrenzung, andererseits verleiht es auch eine Form von Prestige: Straßenkinder werden von anderen Jugendlichen als "Abenteurer", "interessant", "authentisch", "nachahmenswert" beurteilt. Außerdem wissen Straßenkinder wo und wie man die so genannten "Festdrogen", wie LSD, Extasy, usw., die die reichen Jugendlichen für ihre Feste "brauchen", besorgen kann.

Santa Fe ist eine Touristenstadt und in ihren Straßen "gibt" es Geld. Laut den Straßenkindern selbst, kann man an einem guten Tag bis zu 50 US$ allein durch Betteln verdienen. Außerdem kann man einige Tage in der Woche in der Touristenindustrie und im Bauwesen arbeiten, einige verdienen sich einen guten Lohn im Drogengeschäft. So besitzen viele der Straßenkinder von Santa Fe eine Kreditkarte und ein Auto, das sie zum Reisen und zum Wohnen brauchen (ein Auto aus zweiter Hand kostet genau so viel wie die Monatsmiete einer billigen Wohnung). Einige haben ein Handy und beinahe alle haben eine Email-Adresse, um mit anderen reisenden Straßenkindern in Kontakt zu bleiben, und um mit den eigenen Eltern auf ungefährliche Weise zu kommunizieren.

Wenn man ein Straßenkind in Santa Fe fragt, warum es auf der Straße lebt, lautet die Antwort normalerweise "um herauszufinden, wer ich bin", "ich will ein Buch über mein Leben schreiben", "ich bin auf der Suche nach etwas authentischem", und "wegen der schlechten Beziehungen mit meinen Eltern". Dieser letzte Satz versteckt fast immer ein Tabu, etwas Unaussprechbares: laut den Daten der US-Regierung ist 85% aller amerikanischer Straßenkinder ein Opfer sexueller Gewalt im Familienkreis. Wenn also die hispanische und indigene Bevölkerung Santa Fes noch im Kreis einer stark strukturierten Großfamilie lebt und so den eigenen Kindern im Fall von Gewalt innerhalb der eigenen vier Wände die Möglichkeit gibt, zu den Großeltern, einer Tante oder einem anderen Verwandten zu ziehen, bleibt den Kindern der weißen Mittelschicht und Elite nur die Straße.

Im Tomkins Square Park in New York gibt es eine Gruppe Jugendlicher, die den Straßenkindern in Santa Fe sehr ähnelt, aber es gibt noch eine andere Gruppe, geformt von hispanischen und schwarzen Jugendlichen, die wiederum lateinamerikanischen Straßenkindern ähnlich sind. Jeden Tag treffen sich in Times Square, wo einige NGO's ihre Dienste anbieten, Kinder und Jugendliche aus den Armenvierteln der Großstadt. Laut den Daten der Straßenerzieher leben in New York ca. 50.000 Straßenkinder und -jugendliche. Trotz der hohen Anzahl gibt es sie für die öffentliche Meinung und die Medien kaum. Andererseits sind es die Kinder selbst, die alles daran setzen, um ungesehen zu bleiben, denn in den USA ist es gegen das Gesetz, als Minderjähriger auf der Straße zu leben. Identifiziert die Polizei einen "Runaway", wird dieser sofort zu seinen Eltern gebracht, verhaftet oder dem Sozialamt übergeben. Eine jede dieser Alternativen ist für ein Straßenkind einem Alptraum gleich. Also ziehen sie sich gemäß der Mode an, mit gestohlenen oder geschenkten Kleidern, gehen jeden Morgen in ein Zentrum für Straßenkinder, wo sie sich waschen können, um dann in der Masse der "guten Gesellschaft" untertauchen zu können. Viele dieser Jugendlichen arbeiten in einem Restaurant, einem Geschäft oder im informalen Sektor, aber ein Mindestlohn reicht für eine "Mindestmiete" nicht aus. Das eigene Heim bleibt also die Straße, in der man nachts versucht, so gut wie möglich wie ein Erwachsener auszusehen.

Man könnte aus dieser kurzen Beschreibung schließen, dass die Straßenkinder New Yorks den lateinamerikanischen Straßenkindern sehr ähnlich sind, dass sie auf Grund der Armut und der hohen Lebenskosten auf der Straße leben. Aber ein genaueres Hinsehen zeigt, dass nicht die Armut sondern die Gewalt sie auf die Straße schickt. Genauso wie ihre Gefährten aus Santa Fe, fliehen diese Kinder und Jugendlichen von gewaltsamen Familienbeziehungen. Der Eingriff der staatlichen sozialen Institutionen ist keine Lösung: viel zu oft haben sie nach der Gewalt in der Familie auch die Gewalt des Systems erfahren: Unterdrückung seitens der Sozialarbeiter, körperlicher und emotionaler Missbrauch seitens der Ersatzfamilien, das Gefühl als "Problem" und nicht als "Person" behandelt zu werden. Die Straßenkinder sind auf der Flucht vor den eigenen Familien genauso wie vor dem Staat.

Die Erfahrung der Straßenerzieher in Lateinamerika hat aufgezeigt, dass auch dort die Armut allein nicht ausreicht, um ein Kind in ein Straßenkind zu verwandeln: es gibt ganz einfach viel zu viele Kinder, die in äußerster Armut leben und dennoch keine Absicht haben, das Elternhaus zu verlassen, und es gibt zu viele Straßenkinder, die aus der gesellschaftlichen Mittelschicht stammen. Verschiedene Recherchen haben in der Zwischenzeit bestätigt, dass der Entscheidung, "auf die Straße" zu gehen, immer auch der Faktor Gewalt unterliegt. Egal, ob es die Gewalt in den eigenen vier Wänden, die Gewalt der Straßengangs oder die Gewalt einer Kriegssituation ist: damit ein Kind zum Straßenkind wird, braucht es den Faktor Gewalt. Gewalt gibt es auch auf der Straße, aber es handelt sich um eine besser kontrollierbare Gewalt: zu Hause ist der Missbrauch täglich und es gibt keinen Fluchtort, auf der Straße aber ist die Gewalt nicht täglich, kann man weglaufen oder sich verstecken und man ist in einer Gruppe.

Zwischen einem nordamerikanischen und einem lateinamerikanischen Straßenkind gibt es sicherlich Unterschiede, die sogar sehr groß sein können, aber vielleicht sind diese Unterschiede hauptsächlich von Gesellschafts- und Umweltfaktoren bedingt, die wiederum verschiedenartige Überlebensstrategien erfordern. In einigen lateinamerikanischen Städten, vor allem in Kolumbien, haben veränderte Verhältnisse dazu geführt, dass die Straßenkinder immer mehr "typische" Verhaltensweisen der "Runaway" annehmen. Die Wirtschaftskrise, der Bürgerkrieg und die wachsende Gewalt der Todesschwadronen haben dazu geführt, dass es immer schwieriger und gefährlicher ist, sich mit Betteln durchs Leben zu bringen. Die Kinder versuchen, sich wie die reichen Jugendlichen anzuziehen und dem Betteln ziehen sie das Stehlen vor.

Andererseits nennen sich die "Runaway" selbst nicht mit dem Namen, der ihnen die Fachliteratur zugewiesen hat, sondern "street kids" (Straßenkinder) und der Erzählung eines Straßenerziehers über seine nächste Reise nach Brasilien, antwortet eines der Straßenkinder aus Santa Fe: "Ich habe gehört, dass es dort viele von uns geben soll."

Auszug aus: Die Globalisierung der Ausgrenzung von Kurt Shaw, Direktor von Shine-a-light - Internationales Netzwerk zu Gunsten der Straßenkinder - www.odrnews.com/kurt/library.html.


Letzte Aktualisierung: 13.10.2004 | URL: www.bibmondo.it/att/opu/usa-de.html | XHTML 1.0 / CSS / WAI AAA | WEBdesign, Info: M. di Vieste

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