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/ Kulturen der Welt: Letteratura del mondo / Literatur der Welt. Diritti umani e dei popoli / Menschen- und Völkerrechte. Politica dello sviluppo e di pace / Entwicklungs- und Friedenspolitik. Questioni Nord-Sud / Nord-Süd Fragen. |
Von Giovanni Giacopuzzi
Bozen, Mai 2006
Fünfzehn Jahre
sind seit dem Tag vergangen, an dem Zelinda Roccia sich dazu
entschloss, ihr Leben mit den Strassenkinder in Nicaragua zu
teilen. In dieser Zeitspanne hat sich "Los Quinchos" vom
ursprünglichen "Projekt" in eine festverankerte Wirklichkeit
verwandelt, die aus mehreren Strukturen besteht.
In einem Land, in dem jegliches Interesse seitens der Regierung
für die drammatische Situation der Bevölkerung fehlt,
und in dem die wirtschaftiche Notlage immer präkerer wird,
zahlen vor allem die Kinder den höchsten Preis für
diesen Misstand. Anlässlich der heurigen Vollversammlung der
Vereinigung "Los Quinchos", die jeden Frühling Mädchen
und Jungen, ArbeitnehmerInnen, die Direktion, das
Verwaltungspersonal und die Delegierten der
Solidaritätskomitees aus Italien in San Marcos/Carazo, 40 km
von Managua entfernt, zusammenführt, konnte ich eine klare
und strategische Verfestigung der Projektstrukturierung
feststellen.
Angefangen bei der Chureca, der grössten Müllhalde in
Managua, wo ca. 5000 Kinder leben bzw. überleben und wo "Los
Quinchos" ein Aufnahmezentrum errichtet hat, das tagsüber
ungefähr siebzig Mädchen und Buben empfängt.
Inmitten der ekelhaften Dünste der Abfälle und dem
Staub des trockenen und glühendheissen Sommers stehen die
Erzieher und Jugendlichen von Los Quinchos den Kindern der
Chureca zur Seite, um ihnen Zuneigung und Aufmerksamkeit zu
schenken und mit ihnen ihre Rechte und Würde einzufordern
und zu verteidigen. "Los Quinchos" ist auch in Posoltega
gegenwärtig, eine Ortschaft zwischen den Provinzen Leon und
Chinandega, 130 km nordwestlich von Managua. Dort erbaute Los
Quinchos nach den Verwüstungen durch den Hurrican Mitch im
Jahre 1998 einen Erste-Hilfe-Posten und eine Schule, die zur Zeit
sechzig Kindern die Möglichkeit bietet, eine Grundausbildung
und eine warme Mahlzeit am Tag zu erhalten.
In Managua wird nach
wie vor die Arbeit auf der Strasse (Streetwork) fortgesetzt und
für jene Jugendlichen, die seit vielen Jahren auf der
Strasse leben und in kein Projekt einsteigen wollen, werden nun
schon zum zweiten Mal auch Bildungskurse und -projekte direkt auf
der Strasse angeboten. Dies hat bereits dem Einem oder der
Anderen zu einer bezahlten Beschäftigung verholfen. In der
"Casa Filtro", die sich neben dem grössten Markt "El
Oriental" in Managua befindet, werden insgesamt 25 Kinder von
professionellen ErzieherInnen und den ältesten Jugendlichen
von "Los Quinchos" betreut.
Einige dieser Minderjährigen werden, wenn sie dies wollen,
auf das Gut "Finca Los Cachorros" in San Marcos kommen. Dort
leben zur Zeit bereits 45 Kinder, die die Pflichtschule besuchen,
miteinander spielen und lernen, Hängematten zu knüpfen
und Holz zu bearbeiten. Sie verbringen ihre Freizeit z.T. auch im
nahegelegenen Kulturzentrum "Checho Bum Bum" im Dorfviertel La
Cruz von San Marcos. Gemeinsam mit anderen Kindern und
Jugendlichen der Dorfgemeinschaft können sie an
verschiedenen Tanz- und Musikkursen teilnehmen und eine
Bibliothek benutzen. In San Marcos befindet sich auch das neue
Informatikzentrum mit Computerkursen, das von "Los Quinchos"
eingerichtet und geführt wird. In einem weiteren Viertel von
San Marcos leben 25 Mädchen in der mit wunderschönen
Murales bemalten Struktur "Yahoska". In Granada, am Ufer des
gleichnamigen Sees, leben 35 Jungen ab ca. 13 Jahren. Sie
besuchen dort die Oberschule und/oder die
Ausbildungslehrgänge in Schweißen und Mechanik, die im
vergangenen Jahr von "Los Quinchos" eingerichtet wurden und
öffentlich zugänglich sind.
Die Jugendlichen von
"Los Quinchos" selbst wollen als sozial engagierte Gruppe
agieren. Sie haben an Kundgebungen gemeinsam mit dem Schul- und
Sanitätspersonal für würdevollere Löhne
teilgenommen und auch mit den Kindern der Arbeiter der
Bananenplantagen gegen die Grosskonzerne protestiert, die das
mörderische Schädlingsbekämpfungsmittel Nemagon
verwendet haben, an dem bereits über 800 Menschen gestorben
sind und tausende andere permanente Schäden davontragen
haben. Los Quinchos und Yahoska haben auch an den Kundgebungen
gegen das Freihandelsabkommen (ALCA) mit den USA teilgenommen.
Dieses Abkommen entpuppt sich immer als ein Todesurteil vor allem
für die lateinamerikanische Landwirtschaft und demzufolge
für den Lebensunterhalt zigtausender Menschen. Viele der
Mädchen und Jungen von "Yahoska/Los Quinchos" protestierten
auch gegen die Kriegspolitik, wie sie z.B. im Irak vorangetrieben
wurde und wo immer noch die Kinder die Hauptleidenden sind.
Seit diesem Jahr haben viele der Ältesten von "Los
Quinchos" erzieherische Rollen im Projekt übernommen, sitzen
im Vereinsausschuss und wollen auch mittels des
"Jugendausschusses" (Junta de los adolescentes) dazu beitragen,
die politische Situation in ihrem Land zu verändern. Sie
selbst sagen, dass sie der nicaraguensischen Bevölkerung die
Solidarität, die sie durch "Los Quinchos" erfahren haben,
gerne weitervermitteln möchten, denn sie fühlen sich
als Teil der vielen tausenden von Kindern, die auf der Strasse
leben und ungewollt zu direkten Zeugen des Scheiterns einer
Gesellschaft werden. Aus diesem Grund suchten sie sich auch ein
besonderes Zitat des brasilianischen Bischofs Helder Camara
für den Eingang des Hauptsitzes von "Los Quinchos" in San
Marcos aus: "Wenn ich einem Hungrigen Etwas zum Essen gebe, nennt
man mich einen Heiligen, wenn ich aber frage, warum er Hunger
habe, nennt man mich einen Kommunisten!".
Uns - die auf der anderen Seite des Ozeans an diesen Traum, der
zur Wirklichkeit geworden ist, glauben und ihn unterstützen-
erklären die Mädchen und Jungen "Quinchos", dass wir
bei uns zu Hause gegen die ungerechten und schädlichen
Gesetze der sogenannten Ersten Welt "kämpfen" sollen, um
dadurch Missstände in der sogenannten Dritten Welt zu
verhindern. Sie sind der Meinung " alle sollten heute ein Wenig
geben, damit morgen andere nicht Alles geben müssen."
Giovanni Giacopuzzi ist Mitglied des Solidaritätskomitees Quincho Barrilete Bozen. Im März 2006 hat er als Stellvertreter des Komitees an der jährlichen Vollversammlung der Vereinigung "Los Quinchos" in San Marcos / Nicaragua teilgenommen.