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/ Kulturen der Welt: Letteratura del mondo / Literatur der Welt. Diritti umani e dei popoli / Menschen- und Völkerrechte. Politica dello sviluppo e di pace / Entwicklungs- und Friedenspolitik. Questioni Nord-Sud / Nord-Süd Fragen. |
Von Giorgio Cattaneo
Bozen, 10. Oktober 2005
April 2002:
seit einigen Tagen läuft in den bereits zermürbten
Besatzungsgebieten von Gaza und dem Jordanland (West Bank) einer
der schwersten israelischen Militärangriffe seit dem Sechs
Tage Krieg (1967). Schusswechsel, Bombardements und
kontinuierliche Ausgangssperren isolieren vollkommen
palästinensische Städte, Dörfer und
Flüchtlingslager, ganz zu schweigen von den Todesopfern,
Verletzten und der generellen Zerstörung.
Gemeinsam mit einer italienischen Delegation, welche
beabsichtigt, die sich immer wiederholenden Übergriffe der
israelischen Armee (IDF) zu überwachen und Projekte in
einigen der Lager zu verwirklichen, sehe ich mich leider
gezwungen, die palästinensischen Gebiete zu verlassen, um
mich nach Jordanien zu begeben. Dort sind wir im grössten
palästinensischen Flüchtlingslager (Baaka) zu Gast; es
entstand am Stadtrand von Amman, um tausende von
Flüchtlingen zur Zeit der Gründung des Staates Israel
(1948) aufzunehmen.
Während einer waffenlosen Demo zur Unterstützung der
Intifada in den besetzten Gebieten, wird ein 8-jähriges Kind
vor seinem Haus mit einem Tränengaskörper abgeschossen.
Ich erlebe diese verzweifelten Stunden gemeinsam mit seinen
Familienangehörigen und Freunden mit und nehme an seinem
Begräbnis teil. Tod, Gewalt und Übergriffe sind die
allzeit gegenwärtigen Begleiter der palästinensischen
Kinder und Jugendlichen, wo auch immer sie sich gerade befinden
mögen. Egal ob in einem Flüchtlingslager in Libanon
oder im Gazastreifen, diese Kinder sind die wahren Opfer eines
langsamen Völkermordes.
1. Körperliche Gewalt
Die minderjährigen Palästinenser erfahren stärker
als alle anderen und dazu in vielfacher Form die Gewalt des
Krieges und der militärischen Besatzung. Als junge "Krieger
der Steine" (Definition aus der Ersten Intifada 1987-1992) werden
sie entweder verstümmelt oder fallen gezielt geplanten
Militäraktionen zum Opfer, deren Ziel die Schwächung
und Vernichtung gesamter Generationen ist. Dramatische Aussagen
israelischer Soldaten belegen diese Strategie und die von den
hohen militärischen Befehlshabern verordneten
Vorgangsweisen.
Ein weiterer Aspekt dieses Grauens sind die "beiläufigen"
Todesopfer der sogenannten "gezielten" politischen
Mordanschlägen des israelischen Militärs. Der
eklatanteste Fall, der gerechterweise zu einer Verurteilung eines
israelischen Offiziers geführt hat, war der Tod von 13
Jugendlichen und Kindern im Gazastreifen als eine Rakete auf
einen hohen Führer der Hamas-Bewegung abgefeuert wurde.
2. Untersuchungshaft für
Minderjährige
In einem Befreiungskrieg, in dem das Militär nicht zwischen
Zivilen und Soldaten unterscheidet, ist die Festnahme und die
Inhaftierung Minderjähriger eine bewährte
Maßnahme. Während der Zeit der Inhaftierung sind die
Jugendlichen Misshandlungen und Drohungen ausgesetzt, die sich
oft in physische und psychische Folter verwandeln. Die Gefangenen
müssen lange ohne Nahrung und in schmerzlichen
Körperlagen verharren, in den eigenen Fäkalien auf dem
Boden schlafen bzw. Schlafentzug ertragen und werden je nach
Jahreszeit unter einem kalten bzw. heißen Druckwasserstrahl
"gewaschen". An die eigene Person sowie an die Verwandten
gerichtete Todesdrohungen, Isolation und fehlender juridischer
Beistand gehören auch zur täglichen Qual dieser
Menschen.
Der Grad des Schadens steht somit im Verhältnis zum
Ausmaß der subjektiv erlebten Bedingungen und des
individuell ertragenen Drucks. Es ist aber offensichtlich, dass
auch eine einzige Hafterfahrung eine bleibende Narbe
hinterlässt. Unter den weitläufigen Auswirkungen
erscheinen starke Spannungszustände, Furcht, Angst, Phobie,
Entfremdung, Schulabgang. In einer nunmehr prekären sozialen
Lage, die von struktureller Gewalt gekennzeichnet ist, ist eine
Wiedereingliederung dieser Kinder und Jugendlichen trotz
verschiedener Unterstützungsprogramme, sehr schwierig, wenn
nicht unmöglich.
3. Leben (im Alltag)
Eine weitere Facette dieses Elends erscheint in der selben
misslichen Lebenslage der palästinensischen Gemeinden
innerhalb der besetzten Gebiete sowie in den
Flüchtlingslagern (Libanon, Jordanien, Syrien und Iraq)
außerhalb des ursprünglichen Palästina .Aus
meiner persönlichen Erfahrung sowie aus jener zahlreicher
Freiwilliger, ergibt sich ein Gesamteindruck von generellem und
über Generationen reichenden Frust, von Unsicherheit, weit
verbreitetem Zorn und eine extreme Schwierigkeit, die Zukunft zu
überdenken und zu planen. Jede Familie, der man begegnet,
beklagt einen (ex-) Inhaftierten, einen verstümmelten oder
getöteten Verwandten, einen Bauern ohne Land, einen Freund
ohne Haus oder einen Vater ohne Arbeit.
Nicht zu vergessen sind auch die objektiven und
alltäglichen Schwierigkeiten, denen ein Jugendlicher auf dem
Schulweg begegnet, da dieser von Kontrollposten (Check-point)
gesäumt ist und lange Ausgangssperren die Bewegungsfreiheit
einschränken. All dies wird durch die Errichtung einer Mauer
intensiviert, welche Territorien trennt, zur Enteignung von Grund
und Boden führt, und nicht zu letzt das Empfinden von
Willkür und Frust bei den Palästinensern
verstärkt.
Mit diesem Bericht konnte ich in groben Zügen die
dramatischen Zustände und die Gewalt beschreiben, die den
Alltag eines palästinensischen Minderjährigen
kennzeichnet. Von solcher grauenhaften Sicht der Gegenwart gehen
meine Gedanken jedoch zurück zu jenem Flüchtlingslager
in Jordanien, wo man in zahlreichen Gebäuden an einer Wand
oder in einer Schachtel den aufbewahrten Hausschlüssel
vorfindet, den die Menschen bei ihrer Flucht aus ihren ehemaligen
Heimen im Jahre 1948 oder 1967 mitnahmen. Mit diesen
Schlüsseln, sagen die Eigentümer, werden wir die
Türen unseres Palästina wieder öffnen und unser
Land wieder bebauen! Dies ist die größte Hoffnung
eines Volkes, das sich nicht geschlagen gibt. Weil es nicht
geschlagen ist.
Einige Daten
(September 2000 - September 2005):
Todesopfer:
Palästinenser: 3.752
Israelis: 1.005
Andere: 74
Insgesamt: 4.830
Minderjährige Palästinenser: 890
Getötete palästinensische Studenten: 576
Verletzte palästinensische Studenten: 3.500
Recht auf Bildung:
850 Schulen sind z.Z. geschlossen
275 Schulen sind stark beschädigt (15,6% aller
palästinensischen Schulen)
25 Schulen sind als Haftanstalten bzw. zur Stationierung der
israelischen Besatzungstruppen zweckentfremdet
30 Schulen wurden vom israelischen Militär zerbombt
2.500 Schüler sind auf ihrem Schulweg verletzt worden
Vom 29. März bis zum 1. Mai 2002: 1.289 Schulen wurden
geschlossen, 45.000 Studenten konnten ihre
Abschlussprüfungen im Juni nicht absolvieren da ihr Schulweg
unmöglich gemacht wurde und insgesamt 54.730
Unterrichtseinheiten pro Tag gingen wegen den
Militäraktionen der Israelis in den grösseren
Städten der West Bank verloren.
Giorgio Cattaneo hat an der Realisierung verschiedener Projekte für Kinder und Jugendliche in Palästina mitgewirkt und war Mitglied der italienischen Delegation der internationalen Beobachter bei den palästinensischen Wahlen im Januar 2005.
Für weiter Informationen: