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Haiti. Urbans: vierzehn Jahre alt und Guerillakämpfer

Von Roberto Mauri

Port-aux-Prince / Haiti, 22. November 2004

Wenn Urbans morgens aufwacht, weiß er nicht genau, was er sich vom neuen Tag erwarten kann, aber das scheint ihm kein Problem zu sein: ganz einfach in den Tag hineinleben ist für ihn seit jeher eine Lebensregel. Wenn er sich abends schlafen legt, schläft er keinen ruhigen Schlaf und hat keine schönen Träume. Er kann sich nicht einfach ausruhen, "ein Auge muss immer offen bleiben", sagt er, "denn wenn du jemand wirst, kannst du dir keine Schwächen mehr leisten. Schlafen ist Frauensache". Urbans aber ist ein Mann, ein richtiger Mann, einer, der sein Leben auf soliden und unbestechlichen Prinzipien aufbaut. Er ist ein Mann, der für seine Ideen Blut vergießen würde und sie niemals zum eigenen Vorteil verraten würde. Urbans spricht wie ein Gangster, aber er ist erst vierzehn Jahre alt.

Das Gewehr, das er bekommen hat, sieht in seinen Händen beinahe lächerlich aus: so groß, so hässlich und so völlig fehl am Platz. Aber das ist eine ernste Angelegenheit, über die Urbans niemals scherzt: "Das Gewehr ist meine Frau, es lebt mit mir, es schläft mit mir, es gehorcht mir und es unterhält mich. Ich würde nie irgendetwas machen, dass ihm schaden könnte." Ich versuche, ihm zu erklären, dass dieses Gewehr nichts als Alteisen ist, dass es Fabriken gibt, die solche Waffen herstellen, um damit Geld zu verdienen, damit Leute sich gegenseitig verletzen können, dass man eine Frau liebt und zusammen mit ihr wächst, mit ihr leidet man und zusammen mit ihr freut man sich über die kleinen Dinge im Leben, während ein Gewehr nur ein Objekt ist. Urbans aber wird bei meinen Worten furchtbar ernst, er ist nicht dazu bereit, in solchen Tönen über sein Gewehr zu sprechen und jetzt, wo er weiß, wie ich darüber denke, ist er auch nicht mehr dazu bereit, mir das Privileg zuzugestehen , einen Schuss abfeuern zu dürfen. Gott sei Dank!

Es ist gerade erst halbacht Uhr morgens, aber der Himmel ist bereits hell und blau. Normalerweise sind um diese Uhrzeit Urbans und seine Freunde bereits in der Stadt verstreut im Dienst. Sie bewegen sich in Gruppen fort, einige haben ein Gewehr wie das von Urbans, andere haben Schusswaffen aus anderen Zeiten, die sie wer weiß wo aufgetrieben haben, die jedoch immer noch funktionieren, nur ein einziger hat eine wirkliche Pistole. "es ist eure Schuld, wenn wir arm sind", erklärt mir Urbans und legt dabei sein Gewehr zur Seite, "Ihr habt uns zu Armen gemacht. Ihr Amerikaner habt den Präsidenten Aristide weggejagt und diese Marionettenregierung an seinen Platz gesetzt. Und deswegen geht es uns jetzt so schlecht. Aber das wird sich ändern."

Das ist, was mir Urbans eines Novembermorgens in der Nähe des Präsidentenpalasts von Port-au-Prince, Hauptstadt von Haiti, erzählt hat. Das ist, was irgendjemand Urbans erzählt hat, um ihn zu überzeugen, dass der bewaffnete Kampf die einzig mögliche Lösung für das Land ist, und dass der abgesetzte Diktator Aristide ein Patriot war. Aber keiner hat Urbans erzählt, dass Haiti niemals reich gewesen ist, auch wenn es das erste schwarze Land war, dass vor 200 Jahren seine Unabhängigkeit erhielt. Niemand hat ihm gesagt, dass dieses Land seit über 30 Jahren nur Gewalt und Repression kennt und Urbans weiß auch nichts von den Soldaten, die am Wahltag auf die Menschen auf der Straße geschossen haben, um zu verhindern, dass sie wählen gingen. Genauso wenig weiß er, dass die Regierung Aristides der Demütigung des Volks, das dem ehemaligen Priester der Freiheitstheologie vertaut hatte und vom ihm betrogen wurde, keineswegs ein Ende gesetzt hatte.

Aber all diese Geschichten wären für Urbans nur Lügen. Mit der ganzen Reife seiner 14 Jahre ist er überzeugt, dass Aristide ein Präsident war, wie es sie selten gibt, und dass man jetzt für seine Rückkehr kämpfen muss. Aus genau diesem Grund ist er, zusammen mit seinen Freunden, ein Rebelle, ein chimère wie man sie hier nennt, geworden. Er will mir nicht verraten, wie viele seiner Gruppe angehören. Er meint, das zu wissen wäre für mich äußerst gefährlich und auch wenn ich ihm versichere, ich wäre bereit, diese Gefahr zu laufen, zieht er es vor, mich zu beschützen.

Wie er selbst zugibt, haben die chimères die Aufgabe, Unruhe zu säen. Sie kommen von den Straßen von Cité Soleil und anderer Barackenviertel der haitianischen Hauptstadt und schießen in die Menge. Manchmal sehen sie es auf irgendeine Persönlichkeit ab, einem Bürgermeister oder einem Polizeioffizier, andere Male schießen sie einfach in die Menschenmenge, die in den Märkten einkaufen, an der Bushaltestelle warten oder auf der Straße vorbeispazieren. Sie zielen auf die Brust, drücken ab und wenn die Körper leblos zu Boden fallen und die Straßen langsam rot vom Blut werden, dann lachen sie und feiern und laufen so schnell sie können, um ihre Waffen zu verstecken und nicht aufzufallen. Die chimères, Partisanen der Lavalasse-Partei von Aristide, sind in Wirklichkeit arme Teufel. Es sind Straßenkinder und verzweifelte Jugendliche, die in den Barackenvierteln leben. Bevor sie "zur Arbeit" gehen, lassen sie sich mit Rum vollaufen, weil so "Hirn und Beine schneller laufen. So werde ich nicht von Emotionen überwältigt und ich bin ein richtiger Mann". Als Gegenstück dafür bekommen sie einige Münzen, die gerade gut genug sind, um einem bescheidenen Traum des Reichtums liebäugeln zu können. Von Politik und wie die Welt sich dreht haben sie keine Ahnung. Hinter ihnen verstecken sich Persönlichkeiten, prominente Angehörigen des ehemaligen Regimes und kriminelle Geldmacher. Manch einer glaubt, dass auch ehemalige Offiziere des von Aristide abgeschaffenen Heeres mitmischen. Ihr Ziel ist natürlich nicht die Rückkehr von Aristide, sondern genug Unruhe zu stiften, um das Ende der Transitregierung zu erzwingen und dann selbst die Macht zu ergreifen. Wenn es wahr ist, dass Rache Gericht ist, das kalt serviert werden sollte, dann ist in Haiti anscheinend die Zeit dafür gekommen. Die willkürlichen Morde aus Kinderhänden werden von Ex-Soldaten, einflussreichen Personen und lokalen Mafia-Gruppen geschürt, die in den Kindern, die nichts zu verlieren haben, die richtigen Handlanger dafür finden: wenn man nur gut und überzeugend genug auf ein Straßenkind einredet, dann würde es für wenige Münzen sogar die eigene Seele an den Teufel verkaufen.

Die lokalen Zeitungen berichten beinahe täglich über die Aktionen der chiméres. Heute haben sie am Marktplatz 20 Personen getötet, gestern waren es 5 auf offener Straße und vor einigen Tagen hat es den Polizeichef erwischt... Ich denke an Urbans und an seine kleinen schwarzen und schnellen Augen. Ich sehe noch vor mir, wie er lässig mit dem Gewehr spielt, das in seinen Händen wie ein zu groß geratenes Spielzeug aussieht. Ich höre noch seine Kinderstimme, die die Worte eines erfahrenen Gangsters ausspricht. Ein Kind. Urbans glaubte wirklich, eine wichtige Person werden zu können. Er glaubte, er würde reich und mächtig werden. Er glaubte, eine Waffe geheiratet zu haben, die ihm treuer als jede Frau gewesen wäre. Er glaubte, dass die Schiesserei in die Menschenmenge ein Spiel und eine Pflicht gewesen sei, und dass das Land ihm einmal dafür dankbar gewesen wäre. Er träumte eine erfolgreiche und glitzernde Zukunft.

Statt dessen wurde Urbans eines Morgens in einem Park gefunden. Zwischen anderen 15 Kindern, von denen die Jüngsten noch nicht einmal 10 Jahre alt waren, lag er tot da. Ermordet. Ein Schuss mitten ins Gesicht, eine Kugel in der Brust und ein weitere Schuss direkt ins Herz. Fünfzehn haitianische Jugendliche, die für wenig Geld glaubten, eine Revolution anzuführen und Geschichte zu schreiben. Tot. Sie hatten ganz einfach zuviel gesehen und das System zu gut kennen gelernt. Gefährlichen freien Kindern, die das System kennen, kann man nicht mehr trauen, ihr Leben ist nichts mehr wert. Kinder, die für nichts gestorben sind. Ihre Mörder, die sie bewaffnet und ihnen Ruhm und Reichtum versprochen hatten, sind frei und "sauber". Sie wachen jeden Morgen auf, wahrscheinlich in Cité Soleil, dem gleichen Barackenviertel, in dem auch Urbans lebte, und suchen sich neue Verzweifelte, denen sie schöne Geschichten erzählen und eine Waffe in die Hand drücken. Solange sie nicht mehr gebraucht werden, dann "entledigt" man sich ihrer, so wie es Urbans geschah.

Roberto Mauri ist Krankenpfleger; er hat für verschiedene NGO's gearbeitet, unter anderem in Ruanda, mit den Straßenkindern Manilas/Philippinen und zuletzt in Port-aux-Prince/Haiti.


Letzte Aktualisierung: 21.1.2005 | URL: www.bibmondo.it/att/opu/haiti-de.html | XHTML 1.0 / CSS / WAI AAA | WEBdesign, Info: M. di Vieste

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