Der Mond und der Jaguar

Der Mond und der Jaguar: Fabeln, Mythen und Legenden des Guaraní Volks

Das Entwicklungsprojekt der Guaraní

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Die Märchen

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Das Entwicklungsprojekt der Guaraní


1985 nahmen mehrere öffentliche und private Institutionen den Vorschlag des Apostolischen Vikariats von Cueva an, eine statistische Studie über die ländlichen Gebiete, in denen die Guaraní leben, durchzuführen. Die Daten enthüllten eine dramatische Situation: Die Kindersterblichkeitsrate lag bei 300/1000; der Analphabetismus der Erwachsenen lag in einigen Gegenden bei 70%; auf 1000 Schüler, die die Grundschule anfingen, erhielten nur 7 einen Oberschulabschluss; über 90 % des Landguts gehörte Großgrundbesitzern; die Guaraní-Gemeinschaften hatten ohne Ausnahme weder elektrisches Licht noch Trinkwasser; Ausbildungs- und Sanitätsdienst waren äußerst mangelhaft, das Straßennetz in schlechtestem Zustand, der öffentliche Beförderungsdienst nicht vorhanden.

Anhand der Ergebnisse der Studie machten sich fünf Kommissionen an die Arbeit und stellten nach zwei Jahren das Entwicklungsprojekt für Landzonen vor. Das Projekt war in fünf verschiedene Programme unterteilt: Produktion, Infrastrukturen, Ausbildung, Land (PISET). Die Teilnahme der Guaraní-Bevölkerung an der Ausarbeitung des Projekts nahm ständig zu, besonders als die Ergebnisse der Studie in den Guaraní-Gemeinschaften veröffentlicht wurden, um sie zusammen auszuarbeiten und besprechen. Diese Gemeinschaftsversammlungen waren außerordentlich wichtig, denn es konnten dadurch Eindrücke und Vorschläge gesammelt werden, was wiederum eine allgemeine Zustimmung zum Projekt auslöste. Das bemerkenswerteste Ergebnis dieser Arbeit war, dass die Guaraní beschlossen, die eigene organisatorische Struktur zu ändern und 1987 die "Asamblea del Pueblo Guaraní" (APG), die Versammlung des Guaraní-Volks, gründeten.

Es ist wichtig, einige Grundeigenschaften des Projekts hervorzuheben, um dann die Ergebnisse auswerten zu können: a) Um eine umfassende Entwicklung auszulösen, muss in den einzelnen Bereichen, aber in allen gleichzeitig, gearbeitet werden. b) Die Zusammenarbeit mit dem Staat sollte wann immer möglich gefördert werden, um einerseits keine Ghettos zu gründen und andererseits die Tragbarkeit der Projekte zu sichern. c) Es muss anhand von langfristigen Projekten gearbeitet werden, um so die Gefahr zu vermeiden, mit kurzfristigen Eingriffen nur teilweise und unstabile Veränderungen zu erreichen.

Das Ausbildungsprojekt der Guaraní
Das Ausbildungsprojekt der Guaraní war Teil eines umfangreicheren Projekts, das gleichzeitige Eingriffe in den Bereichen Produktion, Infrastruktur, Gesundheitswesen und Land vorsah. Der Studie nach waren die dringendsten Probleme im Bereich Ausbildung der Analphabetismus, der Schulabgang, die unzureichende Vorbereitung der Lehrer, das Schulprogramm, das dem Leben auf dem Land und der indigenen Bevölkerung fremd war, das Fehlen von Berufsfiguren unter den Guaraní. Die Programme wurden so entwickelt, dass sie für jedes Problem konkrete Antworten geben konnten. 2001 wurde das Ausbildungsprojekt von einem Expertenausschuss geprüft und es stellte sich heraus, dass die angestrebten Ziele erreicht und oftmals weit übertroffen worden waren.

Die wichtigsten Ergebnisse sind:
a) Erwachsenenausbildung
Im Zuge der großen Alphabetisierungskampagne (1991-1993) lernten über 12.000 erwachsene Guaraní in der eigenen Sprache zu lesen und zu schreiben. Die Kampagne war ein beachtenswerter Erfolg, nicht nur dank der schulischen Ergebnisse, sondern auch wegen der ideologischen Auswirkungen: In drei aufeinanderfolgenden Zeitspannen trafen sich die Erwachsenen beinahe aller Dörfer täglich, um miteinander über einfache Fragen (Wer sind wir?, Wie leben wir?, Wie ist unsere Kultur?, Welche Probleme haben wir?, Welche Zukunft erwartet uns?) nachzudenken.

Wichtig war außerdem, dass die Alphabetisierungskampagne auch die sogenannten "Sklavengemeinschaften", also die Guaraní-Gemeinschaften, die in den Plantagen lebten, erreichte und dort eine kleine Revolution auslöste. Über das Radioprogramm IRFA schlossen sich jährlich ungefähr 2.000 in der ganzen Region verstreute Erwachsene in kleine Studiengruppen zusammen und erlangten den Mittelschulabschluss.

Viele dieser Erwachsenen beschließen, in der Oberschule für Erwachsene (CEMA RURAL) die Reifeprüfung zu erlangen. CEMA hat 1994, gleich nach der Alphabetisierungskampagne, angefangen, zu arbeiten. Ihre ersten Schüler waren diejenigen, die die Alphabetisierung vorangebracht hatten. In neun Jahren haben 1.000 Schüler den Oberschulabschluss erlangt, einige haben ihre Studien in Hochschulen weitergeführt.

b) Weitere Ausbildungsmöglichkeiten
Dank Studienstipendien konnten Hunderte von Guaranís die Universität oder eine andere Hochschule besuchen. Bisher wurden so 200 zweisprachige Grundschullehrer, beinahe 50 Oberschullehrer, ungefähr 100 diplomierte Sekretäre, Buchhalter, Informatiker und Journalisten und 20 Techniker in verschiedenen Sektoren ausgebildet. Den Uniabschluss haben zwar erst wenige Guaraní erreicht, ungefähr 15 und weitere 15 studieren noch, aber ihre Anzahl wird sicher im Laufe der nächsten Jahre wachsen.

c) Zweisprachige interkulturelle Ausbildung
Eine zweisprachige Ausbildung war ursprünglich für 30 Schulen vorgesehen. In der Zwischenzeit haben sich über 200 Schulen diesem Projekt angeschlossen und viele andere zeigen lebhaftes Interesse daran. Die Einführung der Zweisprachigkeit bedeutete aber auch die Notwendigkeit, eine größere Anzahl von Schulbüchern für die Grundschule zu verfassen und ungefähr 100 Lehrer auszubilden. Dafür brauchte man ein spezifisches Ausbildungszentrum für Lehrer. Mit viel Mühe wurde endlich 1997 in Camiri ein neues Ausbildungszentrum für zweisprachige Lehrer eröffnet.

d) Schülerheime auf dem Land
Die Schülerheime auf dem Land entstanden, um den großen Schulabgang einzuschränken: Schüler aus kleineren Gemeinschaften müssen in jene Gemeinschaften, in denen es möglich ist, den gesamten Schulzyklus zu absolvieren, reisen. In einigen gibt es für diese Schüler eigens vorgesehene Strukturen, aber meistens werden sie von Verwandten und Familienfreunden aufgenommen. Die Heime bieten mehrere Vorteile, unter anderem können Schüler, die in der gleichen Struktur leben, besser organisiert und die geringen zur Verfügung stehenden finanziellen und menschlichen Ressourcen optimal ausgenützt werden.

In der Tabelle werden die bisher beschriebenen Ergebnisse des Entwicklungsprojektes veranschaulicht:

Probleme Programme des Teko Guaraní
Analfabetismus.
Keine Ausbildung für Erwachsene.
- Zweisprachige Alphabetisierungskampagne.
- Post-Alphabetisierung für Erwachsene durch Radio-Übertragung des Unterrichts (IRFA) bis zum Mittelschulabschluss.
- Oberschule für Erwachsene.
Fehlen von Fachkräften unter den Guaraní. - Fund für Studienstipendien.
Schulabgang. - Einführung des zweisprachigen Unterrichts in der Grundschule.
- Gründung von Schülerheimen in allen Zonen der Guaraní-Region.
Ungeeignete Ausbildung. - Erarbeitung eines neuen interkulturellen Studienprogramms.
- Verfassung von zweisprachigen Schulbüchern im Einklang mit den neuen Programmen.
Schlechte Hochschulausbildung. - Ausbildung für bereits arbeitende Lehrer.
- Gründung eines Ausbildungsinstituts für zukünftige Lehrer.
Schlechte Kommunikation und sinkendes Prestige der eigenen Sprache. - Gründung eines Produktionszentrums für Radio- und Fernsehprogramme.

Abgesehen von den Statistiken wird der Erfolg des Projekts auch durch die staatliche Anerkennung unterstrichen. Mit der Erziehungsreform von 1994 ist die zweisprachige Erziehung zu einem offiziellen Projekt geworden, das die neuen zweisprachigen Schulbücher anerkannt und die Kompetenz des Ausbildungsinstituts für Lehrer dem Ministerium für Schule und Erziehung übertragen hat.

Ein weiterer großer Erfolg wurde erzielt, als der Staat den Guaraní-Schulrat anerkannte. Durch den Schulrat haben die Guaraní tatsächliche Entscheidungsbefugnis über die regionale Schul- und Erziehungspolitik des Staats. Abschließend kann man sagen, dass das Ausbildungsprojekt der Guaraní die festgesetzten Ziele erreicht hat. Nach fünfzehn Jahren Arbeit hat dieses Volk nun ein Ausbildungssystem, das den eigenen Bedürfnissen gerecht wird. Jetzt gibt es genügend ausgebildete Fachkräfte, um alleine weiterarbeiten zu können.

All das wäre nicht ohne die Hilfe von Personen möglich gewesen, die zwar nicht zu den Guaraní gehören, die sich aber die Anliegen der Unterdrückten dieser Welt zu eigen machen und um deren Freiheit kämpfen.


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Letzte Aktual.: 27.10.2004 | Copyright | URL: www.bibmondo.it/att/luna/doc/s6-de.html | XHTML 1.0 / CSS / WAI AAA | WEBdesign, e-mail: M. di Vieste

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