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Die Märchen
Hintergrund-informationen
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Die böse Hexe und der Ursprung des
Manioca
Ñasaindí war ein schönes Mädchen: sie
war großgewachsen und anmutig und hatte große
schwarze Augen mit einem ehrfurchtsvollen Blick. Ihr langes
schwarzes Haar ließ sie offen auf ihre Schultern fallen und
schmückte es mit bunten Federn. Sie trug immer ein Tuch aus
Agave-Fasern, das sie mit einem bunten Gürtel festband. Wann
immer sie konnte, ging Ñasaindí mit ihrem Korb
junge Palmensprossen sammeln; oft entfernte sich dabei weit von
ihrem Dorf.
Eines Tages, nachdem sie bereits viele Stunden gesucht hatte,
kam Ñasaindí an einen Ort, an dem Palmen im
Überfluss wuchsen. Als sie aber versuchte, die Sprossen zu
sammeln, merkte sie, dass diese viel zu hoch für sie
wuchsen. Sie versuchte mit allen Mitteln, an die Sprossen zu
kommen, aber bald musste sie aufgeben. Enttäuscht sah sie
sich um in der Hoffnung, doch noch etwas zu finden, mit dem sie
die so gewünschten Sprossen hätte pflücken
können. Als sie schon wieder heim gehen wollte, sah sie
plötzlich ganz in der Nähe einen jungen Krieger im Laub
versteckt, der mit Pfeil und Bogen etwas beobachtete.
Ñasaindí schlich sich näher, denn sie wollte
wissen, welche Beute der junge Krieger gerade jagte. Es war ein
wunderschöner Maracaná (Papagei), der sich, die
Gefahr nicht erahnend, sorgenlos auf einem Ast ausruhte.
Als sie den Maracaná sah, fühlte
Ñasaindí tiefes Mitleid mit dem Vogel, dessen bunte
und glänzende Federn Fröhlichkeit im grünen Urwald
verbreiteten. Ohne es richtig zu merken, stieß
Ñasaindí einen lauten Schrei aus, der den
Maracaná aufschreckte und fortfliegen ließ. Der
junge Krieger sah sich überrascht um, aber als er
Ñasaindí sah, war er von ihrer Schönheit wie
gelähmt. Nur mit Mühe schaffte er es, sie zu fragen:
"Ma-era! Hallo! Wie heißt du?"
"Ñasaindí", antwortete das Mädchen
ängstlich, denn sie fürchtete, der junge Krieger
würde wegen der entgangenen Beute böse auf sie sein.
"Und woher kommst du?"
"Vom Stamm des Häuptlings Sagua-á". "Das ist sehr
weit von hier", sagte der Krieger, "warum bist du hierher
gekommen?"
"Das Mädchen hob den Blick zu den Palmensprossen, die sich
im Wind bewegten. Der Krieger, der den Grund für
Ñasaindís Anwesenheit erraten konnte, fragte: "Du
willst Palmensprossen sammeln, aber du erreichst sie nicht, nicht
wahr?"
"Ja", sagte Ñasaindí etwas verlegen, "würdest
du mir helfen?" - "Vielleicht...", antwortete der junge Krieger
fröhlich, kletterte schnell eine Palme hinauf und fing an,
die Palmensprossen hinunter zu werfen. Ñasaindí
fing sie auf und schon nach kurzer Zeit war ihr Korb voll.
Ñasaindí war glücklich und ihre Augen
glänzten vor Dankbarkeit. Die Sonne aber ging schon unter
und Ñasaindí hatte einen langen Heimweg vor sich,
also beschloss sie, sich auf den Weg zu machen. Der Junge aber
hielt sie auf und fragte: "Warum hast du es so eilig?"
"Ich muss alleine den Fluss überqueren. Die Söhne der
Frau, die mich groß gezogen hat, sind bereits seit vielen
Monden nach Norden gezogen und noch immer nicht zurück
gekommen. Aus diesem Grund hat mich die Frau losgeschickt, aber
ich muss bald zurück sein. Ich habe ja keine Eltern mehr.
Sie sind gestorben, als ich noch klein war", antwortete
Ñasaindí.
"Wie bist du alleine über den Fluss gekommen?" "Mit einem
Kanu, das ich am Ufer festgebunden habe." "Aber du bist viel zu
jung, um alleine hierher zu kommen!", sagte der Krieger, "Hast du
denn nicht Angst?"
"Natürlich habe ich Angst! Aber ich muss machen, was man
mir sagt. Ich habe ja niemanden, der mich beschützen kann",
antwortete Ñasaindí mit Tränen in den
Augen.
"Wenn du willst, Ñasaindí, werde ich dich
beschützen und mich um dich kümmern. Bist du damit
einverstanden?", fragte der Krieger und war dabei sehr ernst und
überzeugt. Ñasaindí sah den Krieger an, ohne
zu wissen, wie sie am Besten ihre Freude und Dankbarkeit
ausdrücken sollte: "Ja! Danke!". "Gut, dann sind wir ab
heute Freunde, Ñasaindí." "Gerne", erwiderte
Ñasaindí, "aber du hast mir noch gar nicht gesagt,
wie du heißt! Wie soll ich dich finden, wenn ich deinen
Namen nicht kenne?"
"Ich bin Catupirí. Mein Vater ist Häuptling
Marangatu. Jetzt weißt du, nach wem du fragen musst",
entgegnete der Krieger.
"Einverstanden Catupirí", sagte Ñasaindí,
nahm ihren Korb voller Palmensprossen und ging dem Krieger
voraus.
Der Krieger war der jüngste Sohn von
Häuptling Marangatu, der sehr mächtig war und auch in
entlegenen Regionen ein hohes Ansehen genoss. Als
Häuptlingssohn war Catupirí vom einem guten Krieger
der Gemeinschaft in der Kunst der Jagd und des Kampfes
unterrichtet worden. Dank seiner Mutter, die immer auf ihn
geachtet hatte, war Catupirí auch guten Herzens und
großzügig geblieben, wie er es als kleines Kind schon
gewesen war. Catupirí war sehr an seine Mutter gebunden,
und als er Ñasaindí gesehen hatte, hatte er
sogleich an seine Mutter gedacht. Ihr wollte er
Ñasaindí vorstellen, und eines Tages wollte er
Ñasaindí heiraten, denn in der kurzen Zeit hatte er
sich schon in sie verliebt.
Zuerst aber musste Catupirís Vater überzeugt werden.
Er wäre sicher nicht glücklich gewesen, dass gerade
sein Sohn eine unbekannte Fremde nach Hause brachte.
Catupirí dachte darüber nach: Am Besten würde er
noch ein wenig damit warten, Ñasaindí seinem Vater
vorzustellen; in der Zwischenzeit hätte ihm sicherlich seine
Mutter geholfen.
Ohne lange darüber nachzudenken, holte Catupirí das
Mädchen ein und schlug ihr vor: "Warum kommst du nicht mit
mir? Meine Mutter wird dich empfangen, als wärst du ihre
Tochter, und wird dir die Liebe schenken, die du nie bekommen
hast. Kommst du mit?" Überrascht und aufgeregt vor lauter
Glück entgegnete Ñasaindí: "Bist du ganz
sicher, Catupirí? Wird mich deine Mutter
mögen?"
"Sicher, Ñasaindí. Du hast einen so guten und
lieben Blick, dass meine Mutter dich sofort als die Tochter, die
sie nie hatte, aufnehmen wird. Komm, gehen wir!"
Ñasaindí und Catupirí machten sich auf den
Weg. Scherzend und lachend waren sie bald im Dorf des
großen Marangatu angekommen. Da ging die Sonne unter und es
schien, als ob der Himmel, der die roten und goldenen Strahlen
der Sonne wiederspiegelte, in den ruhigen Fluss tauchen
wolle.
Catupirí versteckte Ñasaindí und lief
schnell zur Hütte seiner Mutter, um ihr alle Neuigkeiten zu
erzählen. Keiner hatte ihn kommen sehen; so würde es
einfacher sein, Ñasaindí versteckt zu halten, bis
er sie seinem Vater vorstellen konnte.
Aber Catupirí irrte sich: böse Augen beobachteten
ihn aus der Nähe. Es war die Hexe Cava-Pitá, die,
hinter einem großen Baum versteckt, die Ankunft der zwei
Verliebten genau beobachtet hatte. Die Hexe grinste boshaft, und
da sie von einem bösen Geist besessen war, wollte sie
Catupirís Geheimnis so bald als möglich dem
Häuptling verraten. Bis zum nächsten Morgen musste sie
noch warten, dann erst sollte der Häuptling mit seinen
Kriegern von der Jagd zurückkommen. Welche Vorfreude aber
genoss Cava-Pitá in der Zwischenzeit!
Am nächsten Morgen kamen Marangatu und seine Krieger nach
Hause. Die Jagd war gut gegangen, für alle gab es genug zu
essen und das ganze Dorf feierte. Geduldig wartete
Cava-Pitá bis der Häuptling alleine war, dann
näherte sie sich ihm und erzählte von
Ñasaindís Ankunft und noch vieles mehr ...
Da Cava-Pitá aber durch und durch böse und
eifersüchtig auf die schöne Ñasaindí war,
nutzte sie das Vertrauen des Häuptlings aus, um ihn zu
überzeugen, dass Ñasaindí eine Gesandte von
Aná, dem Teufel, sei. Aná benutze
Ñasaindí, um über das ganze Dorf Unheil zu
bringen.
Wuterfüllt über Catupirís Ungehorsam,
ließ Marangatu sofort seinen jüngsten Sohn rufen. Als
dieser vor seinem Vater erschien, tadelte ihn Marangatu
aufgebracht: "Ich würde gerne wissen, warum du eine Fremde
in unser Dorf gebracht hast! Du hast eine Frau mitgebracht, die
keiner kennt und die du nur durch Zufall kennen gelernt hast!"
"Vater, ich wollte es dir erklären ...", antwortete
Catupirí überrascht, "von wem hast du das
erfahren?"
"Das ist nicht wichtig, aber zum Glück gibt es noch Leute,
die meinen Willen befolgen und meinen Befehlen gehorchen",
erwiderte schroff der Häuptling. "Vater, ich leiste dir
immer Gehorsam und ich habe es dir schon tausend Mal bewiesen.
Diesmal aber wollte ich als Erster mit dir sprechen, um dir alles
zu erklären. Allerdings ist mir jemand zuvor gekommen, und
ich weiß nicht, mit welchen Absichten.
"Wo ist die Fremde?", fragte Marangatu. "In meiner Hütte,
Vater. Sie wartet darauf, dir vorgestellt zu werden", antwortete
Catupirí.
"Hole sie sofort!", befahl der Häuptling, "wenn sie sich
unter irgendeinem Vorwand in mein Dorf geschlichen hat, werde ich
veranlassen, dass sie das Dorf sofort verlässt!"
Catupirí wusste, dass dies nicht der Fall war und war
überzeugt, dass auch sein Vater nicht daran glauben
würde, sobald er Ñasaindí sehen würde.
Schnell holte er Ñasaindí, und zusammen erschienen
sie vor Catupirís Vater.
Als er das Mädchen sah, war der Häuptling erstaunt:
das schöne Gesicht und der anmutige Blick eroberten sofort
den großen Marangatu, so dass er gleich an ein
Missverständnis dachte.
Der Häuptling sprach mit
Ñasaindí, die ihm von ihrer traurigen Kindheit ohne
Liebe erzählte und von der Freude, Catupirí kennen
gelernt zu haben. Ñasaindí hoffte, mit
Catupirí die Liebe und die Unterstützung gefunden zu
haben, die sie vorher nie gehabt hatte. Marangatu erkannte die
tiefen Gefühle, die die Verliebten verband und gab seine
Einstimmung, auf dass sie ihre Schicksale, so sie es beide
wünschten, verbinden konnten. Kurze Zeit darauf heiratete
Ñasaindí den jungen Krieger mit dem
großzügigem Herzen.
Als Cava-Pitá sah, dass ihr Plan gescheitert war und
Ñasaindí und Catupirí sogar ihre
Wünsche erfüllen konnten, wurden ihre Boshaftigkeit und
ihr Neid von Tag zu Tag größer. Die Hexe wollte noch
nicht aufgeben. Früher oder später hätte sie es
geschafft, die Fremde aus dem Dorf zu jagen, sie musste nur auf
den richtigen Zeitpunkt warten.
Ñasaindí und Catupirí genossen während
dessen ahnungslos ihre Freude, kein Leid hatte das Dorf getroffen
und alle hatten die bösen Prophezeiungen der Hexe vergessen.
Die Freude des ganzen Dorfes wurde noch größer, als
Ñasaindís Kind geboren wurde. Der kleine Chiriri
war gut und liebenswürdig wie seine Mutter, aber stark wie
der Vater. Als er heranwuchs, sammelten sich alle Kinder des
Dorfes, um mit ihm im Wald oder in der Nähe des Flusses zu
spielen. Der Häuptling war sehr stolz auf seinen Enkel, so
dass er ihm einen eigens für ihn hergestellten Bogen und
Pfeil schenkte. Besonders glücklich war Marangatu, wenn er
mit seinem Enkel in den Wald gehen konnte, um ihm das
Bogenschiessen beizubringen.
Die Einzige, die noch einen tiefen Hass gegen
Ñasaindí und ihre Familie hegte, war die Hexe
Cava-Pitá. Mit jedem Tag, der verging, überlegte sie,
wie sie sich rächen könnte. Sie fand keine Ruhe, denn
sie hatte es noch immer nicht geschafft, Ñasaindí
aus dem Dorf zu verjagen.
Cava-Pitá musste unbedingt alle Bewohner des Dorfs
überzeugen, dass die liebendwürdige
Ñasaindí eine Gesandte Anás war, der das
ganze Dorf in Unheil stürzen wollte und dafür nur den
richtigen Zeitpunkt abwartete. Von ihrem bösen Geist
geführt, verbreitete Cava-Pitá die Nachricht, dass
der kleine Chiriri vom Teufel besessen sei und dass alle Kinder,
die mit ihm spielten, innerhalb kurzer Zeit sterben würden.
Die Nachricht ging von Mund zu Mund und alle Mütter, die um
ihre Kleinen bangten, verboten ihnen, in Chiriris Nähe zu
kommen. Die Hexe Cava-Pitá war überzeugt, dass die
Dorfbewohner Ñasaindí für mitschuldig halten
und sie endlich aus dem Dorf jagen würden.
Um ihre Pläne zu verwirklichen, stellte die Hexe ein
giftiges Getränk her. Dann rief sie die Freunde Chiriris zu
sich und gab jedem von dem gut schmeckenden Gift zu trinken. Nach
kurzer Zeit fing das Gift an, zu wirken: die Kinder hatten
fürchterliche Krämpfe bis sie leidvoll starben. Die
Mütter, die von dem giftigen Getränk nicht wussten,
gaben dem Teufel, der in Chiriri und Ñasaindí sei,
die Schuld für den Tod ihrer Kinder. Keiner hegte noch
Zweifel: Ñasaindí war vom Teufel geschickt worden,
um endloses Leid über das Dorf von Marangatu zu
bringen.
Die Dorfbewohner beschlossen, sich zu rächen. Die böse
Cava-Pitá war überglücklich: sie hetzte die
Dorfbewohner gegen Ñasaindí auf und redete ihnen
zu, die einzige Möglichkeit, sich vom bösen Geist zu
befreien, sei die, Chiriri, Ñasaindís Kind, zu
töten. Eine Gruppe von Frauen und Männern mit
Cava-Pitá an der Spitze begab sich, mit Lanzen und
Stöcken bewaffnet, zu Catupirís Hütte. Sie
stürmten in die Hütte, nahmen mit Gewalt den kleinen
Chiriri und seine Eltern gefangen und schleppten sie in den Wald.
Dort banden sie Ñasaindí und Catupirí an
Bäume fest, denn sie sollten den Tod ihres Kindes mit
ansehen.
Die herzlose Hexe, die sich nach langer Zeit
bereits auf ihren Sieg freute, beschloss, den kleinen Chiriri mit
eigenen Händen zu töten. Cava-Pitá bereitete
ihren Bogen und einen vergifteten Pfeil vor, aber als sie ihn
gegen den verzweifelt schreienden Chiriri abschießen
wollte, hörte man plötzlich ein fürchterliches
Geräusch durch den ganzen Wald dröhnen, der Himmel
wurde schwarz und eine ungeheuerliche Feuerzunge schlug aus den
Wolken auf die böse Hexe, die sofort zu Tode verbrannt auf
den Boden fiel.
Alle Anwesenden erkannten die Bestrafung der Götter
für die Boshaftigkeit und den Neid der Hexe; in der
Überzeugung, einen Fehler begangen zu haben, befreiten sie
Catupirí und Ñasaindí.
Ñasaindí lief sofort zu Chiriri, befreite ihn und
umarmte ihn weinend. Mit tief hängendem Kopf und voller
Scham, dass sie der bösen Hexe geglaubt hatten, kehrten die
Dorfbewohner zu ihren Hütten zurück. Bevor sie aber
gingen, schauten sie noch ein letztes Mal zurück auf den
Platz, an dem der kleine Chiriri kurz zuvor beinahe gestorben
wäre.
Wie groß war das Staunen, als sie sahen, dass dort eine
neue Pflanze zu wachsen anfing. Keiner hatte diese Pflanze je
zuvor gesehen, also nannten sie die Pflanze mandi-ó, als
Zeichen für die Gerechtigkeit der guten Götter, die das
Gute belohnten und das Böse straften.
Die Mandi-ó war ein Geschenk Tupas an die Menschen: sie
besitzt das gute Herz von Ñasaindí und Chiriri und
wer von ihr isst, wird kräftig und energisch, genauso wie es
der mutige Catupirí war.
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